lore-begruessung
Lore Bohm wird von ”ihren” Kindern begrüßt.

Mit 60 Jahren und nach 35 Dienstjahren machte die Gymnasiallehrerin Lore Bohm ihren Traum wahr und wanderte nach Namibia aus. Durch viele Reisen hatte sie das Land schon vorher kennen und lieben gelernt, allerdings in der gleichen Weise wie die meisten Besucher. Die Touristen bekommen fast ausschließlich die schönen Seiten des Landes mit seiner wilden Flora und Fauna zu sehen, vielleicht auch noch einzelne Projekte für bedrohte Tierarten. Doch kaum jemand sieht etwas von der Armut Namibias; einzelne Touristikunternehmen organisieren inzwischen Fahrten in die Armenviertel von Windhoek und Swakopmund. Doch in anderen Städten bzw. im gesamten Norden wird die weit verbreitete Armut weiterhin von den Touristen fern gehalten. Auch Prominente landen fast ausschließlich in Kindergärten und Schulen in Windhoek.

kiga-pre-umbau
Ein typischer Slum-Kindergarten.

Im Oktober 2003 “entdeckte” Lore Bohm durch Zufall “D.R.C.” (Democratic Resettlement Community): Dies ist eine illegale Wohnsiedung und damit das Armutsviertel Swakopmunds, das etwa fünf Kilometer außerhalb der Stadt liegt und somit für den “normalen” Besucher unsichtbar bleibt. Dieses Wohngebiet in der Wüste ist innerhalb von zehn Jahren entstanden und beherbergt heute rund 27.000 Menschen, die Opfer der klassischen Landflucht sind. Hier ist die Arbeitslosigkeit mit ca. 80 Prozent extrem hoch. Trotzdem sind in der D.R.C. Kindergärten auf Grund privater Initiativen schwarzer Frauen entstanden. Sie nehmen häufig nicht einmal genug Geld ein, um ihr eigenes Überleben zu sichern.

klo-vor-umbau
So sah eine Kindergarten-Toilette aus.

Einer dieser Kindergärten war “Engeltjies”, entstanden aus der Eigeninitiative der Kindergärtnerin Dessie Tsuses. Anfänglich betreute sie fünf Kinder in einem Bretterverschlag. Zunächst wurde dieser Kindergarten bis Oktober 2003 von einer anderen Organisation gesponsert, die sich dann jedoch in dem Glauben zurückzog, das Projekt stünde auf sicheren Beinen und könnte eigenständig existieren. Das war leider nicht der Fall, da die Kinder zwar in den Kindergarten geschickt wurden, die Familien aber die anfallende Gebühr (damals 50 NAD monatlich) nicht bezahlen konnten.

Angesicht dieser extremen Armut begann Lore Bohm zunächst mit einer Hilfsaktion im eigenen Freundeskreis. Bei ihrem darauf folgenden Besuch in Deutschland liefen die Telefone heiß: Sie organisierte vor allen Dingen Geld, um zunächst elementare Dinge wie Lebensmittel, Wasser- und Gasversorgung abzusichern, Gebäude einzuzäunen, notwendige Reparaturen durchzuführen und das Umfeld der Kinder zu verbessern.

Daraus entstand das Projekt “Kleine Engel”. Ziel ist es, mit Hilfe von Spenden Kinder ganztags an fünf Tagen pro Woche in Kindergärten zu betreuen, in der Vorschule (Pre School) die Grundlagen der Amtssprache Englisch als Voraussetzung für einen späteren Schulbesuch zu vermitteln und ihnen eine Mahlzeiten pro Tag zu geben, Familien, die die fällige Kindergartengebühr nicht bezahlen können, werden nach Bedarf unterstützt.

 

Aktueller Stand:

Nach inzwischen 15 Jahren konstanter Arbeit ist das Projekt “Kleine Engel” stetig gewachsen und schon lange über den Status eines Freundschaftsdienstes hinaus. Vor allen Dingen Institutionen wie das Hannah-Arendt-Gymnasium als ehemalige Wirkungsstätte von Lore Bohm, die Grundschule Hohne, die Kirchen in Lengerich, die Westfälischen Nachrichten mit der Redaktion in Lengerich und viele Privatpersonen unterstützen das Projekt regelmäßig.

bild-vor-rejoice
Jörg Wintersieg mit Lore Bohm und einem weiteren Helfer (v.l.) vor dem Rejoice Day Care Centre.

Stellvertretend seien einige genannt: Das Ehepaar Kartusch aus Wien unterstützt die Kleinen Engel seit 2008. Inzwischen regelmäßig zu Gast bei den Kleinen Engeln ist Jörg Wintersieg, der sich sehr stark persönlich engagierte: Zunächst spendierte er seinen Jahresurlaub und half in dieser Zeit bei dem Neubau eines Kindergartens. Für seinen Einsatz wurde er von seinem Arbeitgeber mit einem Preis ausgezeichnet, den er wiederum den Kleinen Engeln zukommen ließ. Hut ab! Darüber hinaus ist das Projekt Kleine Engel eines von 12 weltweit, die von der ”Aktion Kleiner Prinz” (Warendorf) unterstützt wird. Details über die Entwicklung in den vergangenen Jahren können Sie auch den Jahresberichten entnehmen, die Sie im Downloadbereich finden. Derzeit werden durch das Projekt Kleine Engel vier Kindergärten mit rund 150 Kindern betreut. In den Kindergärten arbeitet je eine ausgebildete Fachkraft, unterstützt von einer Helferin und stundenweise einer Mutter. Die Kindergärtnerinnen sind von 8 – 17 Uhr für die Kinder da, ungefähr die Hälfte der Kinder geht mittags nach Hause, wenn Geschwisterkinder von der Schule kommen.

Darüber hinaus hilft das Projekt Kleine Engel in Notfällen auch Personen, die nicht direkt zum Kindergarten gehören. Dazu zählt beispielsweise Amon, ein damals 13-jähriger Junge, der bei seinen alkoholabhängigen Eltern in der Nachbarschaft eines Kindergartens lebte, an Malaria erkrankt war und taubstumm ist. Amon ist jetzt mit Hilfe des Projektes “Kleine Engel” malariafrei und besuchte seit Januar 2008 die einzige Taubstummenschule “NISE” in Windhoek.

Seit 2011 plante Lore Bohm gemeinsam mit drei weiteren Partnern den Neubau einer Einrichtung für Kinder und Jugendliche mit Handicap. Federführend war der Verein CHAIN (Children with handicaps action in Namibia), der 1999 in Swakopmund gegründet wurde und sich zum Ziel gesetzt hatte, dass inzwischen viel zu klein gewordenen Heim, durch eine größere Einrichtung zu ersetzten. Die Baugenehmigung wurde nach langen Schwierigkeiten im Mai 2017 erteilt, der erste Spatenstich erfolgte noch im selben Monat. Durch größzügige Unterstützung aus Deutschland, Hilfe städtischer Firmen und Privatpersonen ist der Neubau fast fertig. Alle 25 Kinder von der langen Warteliste können demnächst in die wesentlich größere Einrichtung aufgenommen werden, CHAIN hat es endlich geschafft und den Herzenswunsch des Vereins verwirklicht. Die Einweihung des neuen Heimes für die Behinderten findet noch in diesem Jahr statt.